Mittwoch, 25. Juni 2008
EM Tag 17
Nach kurzer Festivalbedingter Zwangspause gehen die fußballerischen Betrachtungen hier und heute weiter. Ein Resumé und ein Zwischenbericht:

Die favorisierten Niederlande gegen die russischen Glücks- und Killerpilze.
Beide Mannschaften nehmen das Spiel doch ein gutes Stück ernster als die Türken und Kroaten und versuchen von Anfang an, ein Tor zu schießen oder auch zwei, wenn auch nicht ganz klar ist, wie das passieren soll.

Wäre Fußballspielen wie Eiskunstlauf und Pflicht und Kür würden von einer Jury bepunktet, dann hätten beide Mannschaften in der ersten Halbzeit sehr gute Haltungsnoten bekommen. Ansehnliche Ballstaffeten, spannende Zweikämpfe, hohes Spieltempo, chirurgenpräzise Pässe in den Strafraum, das war ganz großes Fußballtennis. Wache Niederländer gegen aufgewachte Russen. Die komplette erste Halbzeit wäre ein hervorragender Lehrfilm für perfektes Fußballspiel. Alleine: keiner der beiden Rennmausteams kann auch einlochen. Beide Torhüter haben ganz gut zu tun und auch das Material der Tore wird ein paar Male ernsten Stresstests unterzogen. Aber es fällt eben kein Tor und nur diese zählen ungerechterweise.

Nach der Pause geht die Rennerei, die gemeinhin als „moderner Fußball“ gilt, konsequent weiter und in der 56sten Minute ist es dann soweit: Ein Jungrusse, dessen Namen gerade noch so aufs Trikot passt, zielt neben das Tor und hat somit das Rezept gefunden, den Ball zu platzieren und es steht zu aller Überraschung 1:0 für die Russkis.

Sogar der Schiedsrichter ist von diesem Fight derart begeistert, dass er sich darauf einlässt, einen Russen nach einem Foul nicht vom Platz zu stellen, sondern seine Entscheidung zurücknimmt. Vielleicht waren bei dieser Entscheidung aber auch die Rufe aus der russischen Fankurve mit seinen Adressdaten ausschlaggebend.

Von den Russen lernen heißt bekanntlich siegen lernen und weil die Niederländer ja besonders lernfähig sind, nehmen sie sich ein Beispiel. Aber nicht an den Russen. Sondern an den Türken. Und warten bis zur 86sten Minute, um den Ausgleich zu machen.

Schockschwerenot! Die NordOrangen feiern, während sich die Russenfans leicht frustriert auf der Tribüne zu entkleiden beginnen. Es geht in die Verlängerung.

Und wieder wildes Gerenne, Torchancen en masse und wieder gehen die Russen in Führung. Aber diesmal zerniert der Treffer die Moral der bis zu diesem Zeitpunkt tapfer dagegenhaltenden Holländer. Erstens liegt man schon wieder hinten und zweitens wabern Wolken feiernder russischer Fanschweißdrüsen über den Rasen. Die Orangenen sind derart verstört, dass sich ein weiterer russischer Schülermannschaftsspieler zwischen die Hollandabwehr mogelt und mit einem 3:1 scheiden die Niederlande als favorisierteste Mannschaft ever aus dem Turnier aus, vorbei an den weinenden Russen, die weiter sind, ihr Hotel aber nur bis zum Viertelfinale gebucht hatten.

Immerhin: Manchester United wird seinen kompletten Kader rausschmeißen und hat sich bereit erklärt, die komplette russische Mannschaft zu kaufen.

Dann das letzte Viertelfinalspiel. Hohe italienische Schauspielschule gegen die Stierkämpfer aus Spanien, die beliebtesten Ferienländer der Deutschen treten zum Duell „System D“ gegen Offensivfußball an. Man darf einiges erwarten.

Die Italiener haben von 10-0-0 auf 9-1-0 umgestellt, spielen also heute mit einem defensiven Mittelfeldspieler, der Druck in Richtung Mittelkreis aufbauen soll. Die Spanier hingegen wollen Fußball spielen. Der deutsche Schiedsrichter, Schiedsrichter des Jahres, Gott in Schwarz, der Pfeifenmann Satans pfeift an!

Wenig überraschend legen es die Italiener ab der 2ten Minute auf „Ergebnis“ an und wollen ins Elfmeterschießen. Die Spanier rennen sich die Stierlunge aus dem Leib, in schöner Regelmäßigkeit von einem eher desinteressierten Italiener gestoppt, mühen sich redlich, aber ständig stehen ihnen die Ballschummler vom Stiefel im Weg herum.

Die Pfeife Satans „übersieht“ zwei klare Elfer für die Spanier, um die Italiener nicht im Tiefschlaf zu stören und so brandet die begeisterte spanische La-Ola-Welle ein- ums andere Mal an den italienischen Tischkickern ab.

Die italienische Taktik des fortschrittlichen Rasenschachs geht zuerst einmal auf: die Spieler bleiben entspannt und die Trikots bekommen keine ärgerlichen Schweißflecken.

Während die Spanier tapfer und wacker ihren Reconquista-Plänen nachgehen, feilen sich die Italiener die Fingernägel, gucken in der Gegend herum und machen lustige Gesten in Richtung spanische Fans. Bis zur 90sten Minute tut sich, wenn überhaupt, eigentlich nur im Strafraum der Italiener etwas und zwar dann, wenn die Spanier mal wieder ihre Bälle neben das Tor semmeln.
Gleiches Bild in der Nachspielzeit. Die erschöpften und klatschnassen Spanier mit unkontrollierter Offensive, die Stiefelkicker, ausgeruht und gutgelaunt. Sie wissen: sie kommen weiter. Schon wegen des rot-weiß-grünen Balken im Auge des teutonischen Pfeifenwichs, der heute mal in Stellvertretung des „vierten Mannes“ das Spiel macht.

Und dann geht die Schauspieltruppe vom Stiefel grinsend ins Elfmeterschießen. Das kennen sie, das haben sie geübt, das ist überhaupt ihre einzige Möglichkeit, einzulochen. Das kann gar nicht schiefgehen, weil Gott ein forza Italia Trikot trägt.

Aber in dieser EM klappt für die Italiener wirklich gar nichts und nicht einmal der deutsche Schiri und sein Blindenhund können verhindern, dass zwei der Standfußballer diesmal ihr obligatorisches Tor nicht schießen. Gott ist heute Abend in Urlaub auf Malle und trinkt sich zu. Die Italiener sind derart demoralisiert, dass sie nicht einmal protestieren, als das Spiel für sie verloren ist.

Unter lautem Jubel trage ich das 4:2 für Spanien in den EM-Planer“ ein und freue mir ein zweites Loch in den Boppes. Diesmal nicht, liebe Italiener, diesmal hat´s nicht geklappt!

In England platzt man vor Ärger – ausgerechnet Elfmeterschießen hatte man in der EM-Vorbereitung so geübt – und wäre jetzt weiter!

Gute Nachrichten aus Ascona: alle deutschen Spieler haben brav ihr Nutella aufgegessen und Torsten Frings wird aus Solidarität mit den verletzten Türken spielen, damit die Osmanen eine Chance haben. Löw hat auch schon angekündigt, wie unsere Jungs spielen werden: nämlich mit „högschter Konzendrazion und äuscherschter Aufmerkschamgeit“. Ich fände es allerdings besser, sie schießen ein paar Tore.

Ein Turnier scheint Charaktere zu formen: Podolski traut sich aus der Deckung und verkündet lauthals, er sei wieder wer und die Bayern könnten ihn bald am Geärsche lecken, er ginge dann eben wieder zurück nach Bremen, wenn er in der nächsten Saison aber sowas von, weil so eben nicht, jedenfalls nicht mit ihm.

In Stuttgart hingegen befürchtet man, dass Gomez sich nicht mit Abwanderungsgedanken trägt. Angeblich will Löw die Diskussion um Gomez Torflaute dadurch beenden, dass er ihn von Köpke auf Ersatztorwart umschulen lässt.

Im Mutterland des Fußballs, in Deutschland, bereitet sich inzwischen der Staat auf den kommenden Fußballabend vor: in Duisburg, Stuttgart, Hamburg und Frankfurt am Main wird es Krisenzentren mit Psychologen geben, die die traumatisierten Anhänger der Verlierermannschaft beraten werden, die Bundeswehr wird mobile Lazarette bereitstellen, in denen die Opfer der Siegesfeiern schnell und unkompliziert verarztet werden können, Tornados der Luftwaffe werden von oben ständig den Weg der Autocorsos überwachen und Berlin soll komplett geräumt werden.

Bei den Grünen hat sich ein Krisenstab eingefunden, der Integrationsvorschläge für den Fall erarbeiten soll, dass die Türken gewinnen: Deutsch soll dann zweite Amtssprache werden und bereits im Kindergarten sollen türkische Frühförderkurse angeboten werden. Ströbele hat für Weihnachten einen Feiertag vorgeschlagen, der unregelmäßig immer auf einen Sonntag fallen soll. Auch Lockerungen der Kopftuchpflicht in bestimmten Berufen, wie beispielsweise dem des „Modells für Produkte des Friseurhandwerks“ sind im Gespräch. Bastian Schweinsteiger wird sich allerdings wohl tatsächlich in „Hammelsteiger“ umbenennen müssen. Dafür soll aber Christian Ziege wieder in die Mannschaft kommen.

Angela Merkel hingegen wollte ursprünglich wieder zur Schweini-Show kommen, solange Schweini noch Schweini und nicht Hammi ist, aber nachdem Erdogan angekündigt hat, er werde mit seiner kompletten Familie die Schlacht ansehen, gab es leider keine Karten mehr für das Glücksschweinchen und EM-Maskottchen unserer Mannschaft.

Schließlich erlauben mit diese spielfreien Tage auch ein kurzes Fazit zu ziehen. Die Favoriten sind bisher alle gestorben – bis auf uns. Liegt wohl daran, dass wir seit geraumer Zeit nicht mehr zu den Favoriten zählen, was mir schon etwas zu denken gibt. Wir haben ja auch schon lange keinen „Großen“ mehr geschlagen, betonen dafür aber im Gegenzug ständig, dass es keine „Kleinen“ mehr gibt. Insofern haben wir den „Großen“ San Marino immerhin mit 13:0 weggeputzt – ein Ergebnis, das ich gegen die Türken für durchaus wünschenswert halte.

Wäre ich nicht gerade Deutsche, dann würde ich einer der anderen Mannschaft die EM gönnen – beispielsweise den Russkis, die so schön unbekümmert aufspielen. Oder den Türken, weil sie so eine 1a-Chaostruppe sind. Anarcho-Fußball in Reinkultur. Hau wech die Pille, Hassan. Andererseits wären wir auch mal wieder dran, zum Einen, um die europäischen Verhältnisse wieder geradezurücken, zum Anderen, weil es die Italiener ärgert.

Und schlussendlich, weil es die Engländer verletzt.