Montag, 16. Juni 2008
EM Tag 9
Alles fiebert dem Spiel morgen entgegen. Im deutschen Lager herrscht große Aufregung und der Yogi-Löwe tut alles, um seine Männchen vom „Fluch von Cordoba“ zu befreien. Psychologen laufen auf, Verhaltenstrainer und angeblich sogar Exorzisten geben sich im deutschen Auffanglager die Klinke in die Hand. Die Österreicher sind ja auch schon nervös. Wird es nach der Schmach von 1866 und dem Sieg von Cordoba endlich mal wieder ein erfolgreiches Gemetzel gegen den Ersatzerbfeind Deutschland geben?

Natürlich wüssten unsere südlichen Nachbarn mit dem lustigen Akzent gerne, ob der Bundesyogi nun 10-0-0 oder 0-0-10 spielen lässt, aber dank dem beherzten Eingreifen des Nachtportiers des deutschen Mannschaftshotels konnten zwei männliche Mitglieder der österreichischen Sondereinheit „Oachkoatzl“, die sich als Spielerfrauen verkleidet hatten, in letzter Stunde vor dem Eindringen in Yogis Privatgemächer abgehalten werden. Sie befinden sich nach neuesten Erkenntnissen im Gewahrsam von Oliver Bierhoff, wo sie sich sein Golden Goal gegen Tschechien wiederholt ansehen müssen.

Löw selbst soll auch nach einem eventuellen, natürlich völlig unmöglichen, nahezu ausgeschlossenen und „in tauschend kalde Winder nedda zu äwadende“ Ausscheiden Bundestrainer bleiben, denn wie sagte DFB-Präsident Zwanziger? „Wir werden auch nach einem Ausscheiden an Herrn Löw als Trainer festhalten. Wenn er natürlich, wie Männer von Charakter und Ehre das tun, aufgrund der Schande eine Ausscheidens vorzeitig vom Vertrag zurücktritt oder sich am Dachbalken erhängt, dann können wir ihn eben auch nicht aufhalten.“

Aber zu dem Spiel:

Es gibt Spiele, die man im Nachhinein als „legendär“ bezeichnen wird – Tschechien gegen die Türkei ist eines dieser Spiele.
Die Tschechen, die ihre Spiele bisher vielleicht knapp, aber eindeutig gewonnen haben, gehen es gegen die Türken relativ entspannt an, während sie für die Türken wohl so etwas wie die „Ersatzösterreicher“ sind, weshalb jene auch, nennen wir es mal freundlich, „engagiert“ zur Sache gehen. Gleich in den ersten 10 Minuten gibt es daher auch zwei gelbe Karten für die Boyz aus dem Morgendämmerungsland. Bis zur 34sten Minute besteht die Partie aus erbitterten Zweikämpfen, die Türken bekommen deswegen bald einen Koller, der dann auch zum 1:0 einköpft.

Und so gehen beide Teams dann auch gestresst und andrenalingeschoben in die Halbzeit. Während die Tschechen in dieser Pause wohl etwas Tee mit Gebäck zu sich nehmen, wurden die Türken augenscheinlich mit rohem Fleisch gefüttert, denn ab der 46sten Minute spielt nur noch eine Mannschaft und die trägt den Halbmond auf der Brust. Die Tschechen mauern und versuchen leichtsinnigerweise auf Ergebnis zu spielen, die Türken haben dazu leider so gar keine Lust und außerdem regnet es zur Abwechslung auch mal wieder!
Der Tschechentrainer tobt an der Außenlinie wie Mussolini auf dem Balkon.

Trotzdem sind es die Tschechen, die bei einem der immer seltener werdenden Konter schon fast aus Versehen in der 62sten Minute ihr 2:0 machen. Und eigentlich wäre das Spiel jetzt gelaufen. Keine Autokorsos, keine schlafgestörten Innenstadtrentner, keine Mehmets, die in öffentlich-rechtliche Mikrofone ein kamm- und stolzgeschwelltes „Türkei gewinn immer“ gröhlen, über allen Wipfeln wäre jetzt Ruh. Drei Tore in dreißig Minuten, das schaffen normalerweise nur strafraumfalltrainierte Italiener.

Die etwas konsternierten Türken toben ihren Zorn über diese Respektlosigkeit vorerst nur mit sogar blutigen Fouls aus, bis wohl einer der Tschechen einem Teamkameraden ein unvorsichtiges „die Türkei is lahm“ zuruft. Bei den Türken kommt aber nur „Türkei“ und „..lam“ an und sie wittern jetzt eine Beleidigung. Und jetzt gibt es kein Halten mehr! Die mit viel Herz und Herzrasen aufgeputschten Morgenländer machen in der 75sten ihren Anschlusstreffer, aber noch sind die Tschechen entspannt, wenn auch jetzt etwas verunsichert. So etwas kennen sie dann doch nicht.

Vor allem der tschechische Keeper hat wohl mit Blick auf seinen kopfverbandtragenden Kameraden Polak Befürchtungen, dass der Feind auf seine Kopfverletzung diesmal keine allzu sportliche Rücksicht nehmen wird und lässt prompt sicherheitshalber in der 87sten Minute den Ball mal lieber fallen, bevor er ihn mit Gewalt abgenommen bekommt. Der Türke Nihat zieht sofort ab und macht den Ausgleich und die Tschechen stehen plötzlich mit nichts da.

Noch ist nicht alles verloren, aber während die Tschechen sich noch voller Verblüffung fragen, wie DAS denn eben passiert ist, setzen die Türken noch ein 3:2 obendrauf, die Nerven liegen bei allen blank, der türkische Keeper fragt einen Tschechen, ob jener ein Problem habe, dieser bejaht und wird von dem Türken umgeschubst, der darauf einen behördlichen Platzverweis bekommt, bevor er seinen Bruder holen kann. Ein türkischer Feldspieler geht ins Tor, das Elfmeterschießen könnte jetzt extrem spannend werden, aber der Schiedsrichter pfeift ab, bevor es auf dem Platz Tote gibt und die Türken sind weiter vor Wien und haben sich ihren Einzug ins Viertelfinale berechtigt und mit viel Herzblut erkämpft, auch, wenn sie mit nur der Hälfte der Mannschaft unverwarnt in die nächste Runde einziehen.

Ich trage das türkische 3:2 in den EM-Planer ein und freue mich, dass definitiv eine der beiden unbeliebtesten Mannschaften dieser EM das Halbfinale nicht erreichen wird.

In England freut man sich auch, dass man diesmal nicht zu den unbeliebtesten Mannschaften des Turniers zählt und deswegen auch nicht vorzeitig ausscheiden muss.