Samstag, 14. Juni 2008
EM Tag 7
Landauf, landab wurde heute neben dem Beschimpfen der deutschen Nationalmannschaft vor allem Fußballarithmetik bemüht: wenn die Polen gegen Kroatien gewinnen und die Deutschen gegen die Deutschen wenigstens unentschieden spielen, dann sind die Deutschen weiter. Gewinnen jedoch die Deutschen gegen die Deutschen und die Kroaten und die Polen spielen 13:13 unentschieden, dann ist Deutschland weiter, verlieren hingegen die Kroaten gegen den Schiedsrichter und bekommen wenigstens 10 rote Karten, dann muss Deutschland gegen Deutschland, wie weiland in Cordoba, also sind wir auf jeden Fall, zumindest die Ausgangsbasis und es könnte noch schlimmer werden und wer war noch einmal Österreich?

Die Nerven liegen blank und Jogi kann sich schon das Schwert für seinen Seppuku aussuchen, wenn unsere Jungs das Endspielergebnis aus der Zeitung erfahren. Es tut ihm ja auch leid und die halbe deutsche Nationalmannschaft hat sich in den San-Bereich abgemeldet, weil sie sich selbst nicht mehr erträgt. Auch wenn es erst unsere dritte Niederlage seit Jogis Amtszeit überhaupt war. Es wäre halt einfach nett, wenn wir nicht nur gegen San Marino gut aussehen würden.

Die Italiener waren dafür aber auch zerknirscht und wollten es der Welt heute zeigen, wie italienische Tapferkeit aussieht. Zu diesem hehren Zwecke hat der italienische Trainer gleich 50% der Feldspieler ausgewechselt, um gegen den Fußballgiganten Rumänien zu siegen.

Und tatsächlich: in einem Anflug von Verzweiflung bemühen sich die italienischen Vorneverteidiger, mal ohne Theatralik Fußball zu spielen – alleine, diesmal kehrt sich das sprichwörtliche Glück der Stiefelspieler ins Gegenteil um und deswegen bekommen sie kurz vor der Halbzeit auch ein reguläres Tor nicht anerkannt und in Sizilien werden Formen für Betonschuhe gegossen.

Mittlerweile kann augenscheinlich jede Deppenmannschaft die konsternierten Italiener in Verlegenheit bringen und im Ausgleich für den vorne noch nicht funktionierenden Offensivgeist der Italos bricht hinten die früher funktionierende Defensive zusammen und plötzlich führen die darüber selbst verblüfften Rumänen nach der 55sten Minute für 60 Sekunden. Leider verpennen sie vor lauter Begeisterung den italienischen Anstoß und schon haben sie sich zu früh gefreut, weil ausgerechnet ein italienischer Defensivspieler das 1:1 einschiebt.

Anscheinend haben die Rumänen höhere Summen bezahlt, denn der Unparteiische fällt nach bösem Gezappel eine umstrittene Elfmeterentscheidung für die Rumänen. Aber die haben wohl nicht wirklich damit gerechnet, die Vorrunde zu überleben und deswegen das Elfmeterschießen nicht geübt. Buffon hält und die ungeschickten Rumänen dürfen sich darauf freuen, ausgerechnet die in diesem Turnier extrem bissigen Niederländer besiegen zu müssen. Na viel Spaß dabei. Ein 1:1 wandert auf den EM-Planer.

Habe ich bis hierher schon viel gelacht, so sollte der Abend noch besser werden. Diesmal spielen die enthemmten Niederländer gegen die „Alten Herren“ der Franzosen.

Die Stimmung bei den Franzmännern ist nicht ganz so im Keller wie bei den Italienern, aber sie haben das gleiche Problem wie jene: sie tragen blaue Trikots. Und auf diese Farbe scheinen, warum auch immer, die Niederländer sehr ungehalten zu reagieren, denn die laufen los wie von der Tarantel gestochen und hauen den Franzosen nach 10 Minuten das erste Tor rein.
Diese Respektlosigkeit wollen sich die Senioren in blau nicht gefallen lassen und berennen ein- ums andere Mal das Niederland-Tor, in dem leider Van der Saar, der seit heute den Titel „Ehren-Kahn der niederländischen Mannschaft“ trägt, steht und wenig gewillt ist, einen Treffer zu kassieren. Bis zur Halbzeit verkürzt sich die Spielbeschreibung auf „Ribery gegen die Orangenen“.

Es wäre interessant, zu erfahren, was in den isotonischen Getränken unserer nordwestlichen Nachbarn so drin ist. Auf jeden Fall kommen die Nederlanders aufgezogen wie die Duracell-Häschen aus der Kabine und machen den verdutzten Franzosen vor, wie Fußball wirklich gespielt wird. 2:0 in der 60sten Minute. Ribery packt der kalte Zorn und er spielt, wenn das überhaupt noch möglich war, besser als in der kompletten Saison bei Bayern-München und packt eigentlich typisch deutschen Siegeswillen aus. Leider haben seine Mitspieler keinen Vertrag mit einem deutschen Club und so wissen sie auch nicht, wie man Flanken und Pässe verwertet.

Die Niederländer machen sich ein Spasseken und lassen die Franzosen auf 2:1 durch Henry herankommen, nur, um im direkten Gegenstoß auf 3:1 zu erhöhen. Einfach mal so, lässig aus dem Schritt heraus. Wenn es nach Sevilla je ein frustrierendes Spiel für die Franzosen gab – dies ist es. Der stellvertretende Weltmeister wird von den „Vans“ vorgeführt, als hätte er polnische Trikots an. Die Stimmung bei den Bleus schlägt in den Mut der Verzweiflung um. Und während der glücklose Domenech einen Fehlgriff gegen einen anderen Fehlgriff austauscht, während Ribery sich ganz alleine und fast einsam auf dem Feld fühlt, nähert sich die Partie dem Ende, nicht ohne, dass die Niederländer in letzter Sekunde noch einmal grinsend dem französischen Torwart einen einschieben. Und die Franzosen können von Glück sagen, dass sie nicht noch schlimmer zerlegt wurden. Ich bemale den EM-Planer mit einem 4:1 für Holland.

In England finden Dankesmessen statt für den kroatischen Sieg gegen Deutschland und dafür, dass man bei dieser EM nicht gegen die Holländer spielen muss.