Mittwoch, 11. Juni 2008
EM Tag 4
Nach der gestrigen Lektion in Sachen „modernem Fußball“ ist in Italien jetzt „Wunden lecken“ angesagt. Die Fahnen wehen auf Halbmast, Frauen schlachten in Sizilien Hühner für das Erreichen der nächsten Runde, die Berlusconi-Sender übertragen Trauermusik und Don Giovanni hat in Neapel die seltsame Formulierung „eine Familie verzeiht auch mal EINEN Fehler“ gebraucht.

In Holland herrscht verständlicherweise eine ganz andere Stimmung: beim holländischen Fußballverband wurde eine neue Vitrine für den EM-Pokal angeschafft, die holländischen UN-Soldaten haben das Blau ihrer Helme gegen Orange getaucht und in Den Haag wird laut die Möglichkeit des Gewinns eines Angriffskrieges gegen Deutschland diskutiert, denn nichts, wirklich gar nichts scheint im Holland dieser Tage unmöglich.

Der polnische Trainer hingegen hat für das nächste Spiel seiner Mannschaft die Losung „Zbginiew tak nie cola w dranspekoje“ ausgegeben. Keiner versteht, was er damit sagen will.

Aber zum Fußball:

Heute endlich zur Gruppe D, dem genauen Gegenteil der Gruppe C. Wenn die Gruppe C eine „Todesgruppe“ ist, so ist D die Seniorengruppe. Irgendwie die Gruppe der Mannschaften mit verblasstem Glanz, über die Sportreporter gerne Geschichten erzählen wie „das letzte Mal, als diese Mannschaften gegeneinander gespielt haben, gings unentschieden aus. Das war 1923“.

Zuerst Spanien gegen Russland. Die Spanier kommen den Russen, die offenbar noch nach dem julianischen Kalender ticken, weswegen sie nur physisch auf dem Platz herumstehen, mediterran feurig und machen nach 20 Minuten ihr erstes, aber nicht letztes Tor. Aufgewacht, aber, da in Russland ja alles etwas größer ist, offenbar auf breitere und höhere Tore trainiert, testen die Russen zwei Mal das Material, die Spanier lachen darüber und zeigen, wie es richtig geht: 2:0.

Bis zur 75sten Minute vertreiben sich die Trainer die Zeit damit, ihre Spieler auszuwechseln, dann sind die Kinder von Mütterchen Russland müde und bekommen noch ein Tor von den nachwievor hellwachen Spaniern. Denen scheint die eigene Überlegenheit dann langsam peinlich und sie schenken den Russen das Gegentor, um die Partie noch einigermaßen offen zu halten und weil die Russenmafia noch einen Tick fieser als die italienische Camorra ist.

Damit zufrieden freuen sich die Harmloskis dann auf den Schlusspfiff und verlassen den Platz, während die Spanier bis zuletzt auf dem Schlachtfeld bleiben und quasi mit dem Schlusspfiff noch zum 4:1 einlochen. Dieses Ergebnis wandert sogleich auf den EM-Planer.

Danach das Hammerspiel, oder besser, das Xylophonspiel der „Opfer-Gruppe“: der amtierende Europameister des amtierenden Ehrengriechen Rehakles gegen Ibrahimovic. Das wird ein harter Fight!

Wird es auch: und zwar gegen die Müdigkeit, die mich nach den ersten 20 Minuten überfällt. Sagen wir es mal so: der Grieche an sich ist ja ein Marathonläufer. Das macht man normalerweise auch ohne Ball. Und weil das Feld weniger als 42 Kilometer hat und keine Perser besiegt werden sollen, stehen die Griechen einfach herum. Die Wikinger haben nie Griechenland überfallen und so gibt es keinen zwingenden Grund für einen harten Fight auf dem Platz. Otto „modern ist, wenn man gewinnt“ Rehagel, der dicke alte Mann des deutschen Fußballs, scheint seine Schützlingen „defensiv eingestellt“ zu haben, was im Klartext bedeutet: einfach so hingestellt. Oder, wie Otto „die griechische Wichtgestalt“ sagen würde: „Schaut halt mal irgendwie zu.“

Das Spiel krampft sich über die Halbzeit und die Stimmung auf den Rängen entspricht derjenigen bei der Besichtigung eines Massengrabs. Die Griechen und Schweden gähnen sich gegenseitig an und lullen sich in den Halbschlaf, bis in der 67sten Minute sich irgendein Blauer des armen Importschwedens Ibrahimovic erbarmt und ihm versehentlich einen Pass zuspielt, den jener prompt in Missachtung des griechisch-schwedischen Nichtangriffspaktes ins Griechentor tritt. Während die aufgebrachten Rehhagelpinscher den Schweden noch zu erklären versuchen, dass das doch anders ausgemacht war, fällt in der allgemeinen Irritation versehentlich auch noch das 2:0 für Schweden. Die Griechen versuchen es jetzt mit einer Offensivtaktik, die schon bei Sokrates veraltet war und so gewinnt das finstere schwedische Mittelalter gegen den Antikefußball von Otto dem Altherrenmeister. Bevor ich endlich ins Koma falle, klebe ich noch ein 2:0 in den EM-Planer. So wird’s halt nix mit der Titelverteidigung.

Im Sportteil der SUN ist heute Wayne Rooneys Bruder als Braut verkleidet zu sehen. Happy England – das war allemal spannender und amüsanter als die EM-Kickerei am heutigen Tag.