Mittwoch, 11. Juni 2008
EM Tag 3
Heute Morgen habe ich festgestellt, dass ich folgende Formulierung absolut nicht mehr ertrage: „schwarz-rot-geil“. Für mich klingt das irgendwie wie die Werbung einer Gay-Hotline: „schwanz-rotten-geil“. Sicher hat jeder schon einmal über die intimen Momente in der Umkleidekabine spekuliert, aber Poldi und Schweini… ich weiß es nicht. Es gibt vielleicht Dinge, die besser unausgesprochen und nicht zu Ende gedacht bleiben. Belassen wir es für den Moment bei den zärtlichen Kuscheleinheiten, wenn Podolski ein Tor schießt.

Die polnische Tageszeitung „Fakt“, die jene netten Köpfballbilder montiert hatte, titelt heute übrigens: „Nig sie nie stato, Gramy dalei“, was soviel bedeutet wie „wir haben die Schnauze zu voll genommen“. Anders herum: egal, wie die EM letztlich für Jogis Löwen läuft – Polen als Stellvertreter Englands haben wir auf jeden Fall besiegt. Don´t mention the war.

Zu dem Fußballspiel heute Abend:

In diesem Zusammenhang den Artikel nur in der Einzahl zu verwenden, trifft bereits den Kern – denn das, was Frankreich UND Rumänien (und nicht „Frankreich GEGEN Rumänien“) an diesem Abend geboten haben, war ein Mittelkreistraining für 20 Leute in unterschiedlichen Trikots. Unnötig, dieses langweilige Gezappel in irgendeiner Weise zu kommentieren, in den EM-Planer kommt ein 0:0, und selbst dieses Ergebnis schmeichelt beiden Mannschaften. Anscheinend geht es ja bei einer EM um nichts.

Mit der gleichen Einstellung scheint heute auch der unberechtigtste und unverdienteste Weltmeister der Fußballgeschichte Italien gegen die Niederlande ins Spiel zu gehen. Die Italiener treten bei der Nationalhymne entschlossener auf als John Wayne beim Niederbrennen eines Indianerdorfes. Sie sind natürlich Favorit, schließlich sind sie ja nicht irgendwer, nicht nur die beste Laienschauspieltruppe der Welt, sondern auch Meister des „System D“, was nicht für „Defense“, also für „Verteidigung“ steht, sondern für „sich Durchwursteln“.

Dementsprechend easy gehen es die Italiener an, stellen sich, wie immer, in ihrer Hälfte auf und warten auf Gegenspieler, damit sie sich hinfallen lassen können. Was in den letzten Jahren so ganz hervorragend funktionierte – zwei Vorstöße in die gegnerische Hälfte, einmal im Strafraum fallen lassen und den Siegelfmeter verwandeln – heute geht es nicht. Die Holländer haben nämlich heute Lust, Fußball zu spielen und genau das tun sie auch, unabhängig davon, ob dies den trickreichen Trainingshütchenspielern aus Italien passt oder nicht.

Zuerst sieht es so aus, als hätten die Italiener ihr übliches Glück, die Holländer verpassen ihre Chancen, während die Italos lustig übers Spielfeld kugeln, als in der 26. Minute Panucci sich selbst versehentlich aus dem Spielfeld rollt und damit das Abseits von Van Nistelrooy aufhebt. Der fackelt nicht lange und knallt den Ball durch die beste Abwehr der Welt ins italienische Tor.

Das kennen die Italiener nicht. Wer sich zu elft hinten rein stellt, der weiß nicht, wie es ist, einem Rückstand hinterher zu laufen. Und deswegen laufen die Italiener ihrem Rückstand auch nicht hinterher, sondern tun eben das, was sie am besten können: hinten zumachen, wo sie doch vorne punkten müssten. Aber heute nicht.

Die Orangenen definieren „Fußballspiel“ nämlich ganz anders – und während Italien nicht verlieren will, wollen die Holländer gewinnen – ein himmelweiter Unterschied, der nur 5 Minuten später an der verdutzten besten Abwehr der Welt vorbei zum 2:0 durch Sneijder führt.

Bis zur Halbzeit wackeln die Italiener um den Mittelkreis herum, sind bar jeder Orientierung, verlaufen sich auf dem Fußballfeld, spielen einen unglaublichen italienischen Stiefel zusammen und sehen den wie entfesselt rennenden Oranjes beim Stürmen zu. Wie kann jemand so dreist sein und sich bei einer 2:0 Führung immer noch um ein weiteres Tor bemühen? Das kennen sie nicht, die Weltmeister der Schmerzen.

Nach der Halbzeit versucht der ehemalige Favorit dieses Spiels seine üblichen Tricks: sich Fallenlassen im Strafraum, foulen und dann auch noch herumjammern, aber der Fußballgott hat von den blauen Blendern endgültig die Nase voll. Heute nicht.

Sicher, das ein oder andere Mal gelingt es einem Vorne-Verteidiger (so richtige Stürmer haben die Italiener nicht), den orangenen Strafraum zu betreten und sogar sich hinfallen zu lassen, aber entweder hauen die konsternierten Blauen den Ball auf den Torwart oder in den Nachthimmel, oder aber der Schiedsrichter lässt sich von den spektakulären Fouldarstellungen nicht beeindrucken und pfeift die so hervorragend herausgeschauspielten Elfmeterchancen einfach nicht. Heute nicht.

Nach der 75sten Minute stellen die Italiener den Rest ihres Schauspiels dann angeekelt komplett ein. Nichts geht mehr und keiner will mehr. Am Liebsten würde man sowieso bei den Holländern mitspielen, weil das mehr Spaß macht und deswegen häufen sich die Fehlpässe, die es Van Bronckhorst leicht machen, auch noch zum 3:0 einzulochen.

Das war´s dann. Abpfiff und Vorhang für die Italiener. Und niemand steht diesmal auf und klatscht. Heute nicht. Ein 3:0 für Holland wandert auf den EM-Planer.

Der englische Trainer Capello sieht heute in der SUN bei der besten Mannschaft der Welt nach den Spielen gegen Trinidad&Tobago sowie die USA deutliche Fortschritte. Ich empfehle als nächste Gegner Luxemburg und San Marino. Wir spielen derweil mal gegen Kroatien und sagen Euch dann, wie es war.