Mittwoch, 11. Juni 2008
EM Tag 1
Die „Sun“ titelt heute: „Mein Gott – Geoff Hurst backs Germany“. Ein Zornesaufschrei geht über die Insel der Unglückseligen. Und warum „backt“ uns „Geoff Herrst“? Weil: “the Germans never give up, which is why they have been so successful in football. Actually, they remind me a lot of us.”

Ach ja? Bis auf 1966 – und da auch nur mit Schummeln - wo war England da erfolgreich im Fußball? Ich glaube eher, wir reminden Herrn Hurst nur aufgrund unserer Trikotfarben an England. Also Engländer: Ton abdrehen und das Spiel „England-Polen“ morgen Abend im Pub genießen.

Franz Beckenbauer, die Irrlichtgestalt des deutschen Fußballs, ist auch so ein kluger Kopf. Heute Morgen hat er beispielsweise im Großbuchstabenblatt sinngemäß folgenden Satz zum Besten gegeben:
„Selbst in Österreich haben die Autos Fahnen dran. Die sind natürlich aber nicht schwarz-rot-gold, sondern rot-weiß-rot“. Ach was. Und dafür zahlt die BILD Honorar? Ich gehe einen Schritt weiter: die Schweizer haben bestimmt rote Fahnen mit weißem Kreuz. Ich bin sicher. Ich freue mich ja auch, wenn mir Beckenbauer die Welt erklärt.

Klinsmann, die Zwielichtgestalt des deutschen Fußballs hat Motivations-SMS an alle Spieler der deutschen Nationalmannschaft verschickt. Über den Text wird geschwiegen. Ich tippe auf „lascht Eusch von dene Pole nit einschüschtere un de Ball klaue. Ihr müscht Köpfbäll schpiele, des irritiert die Pole“. Der offizielle Bundestrainer soll daraufhin alle Spieler-Handys eingesammelt haben. Hier schwäbelt nur einer und das ist der Yogi.

Und natürlich die Eröffnungsfeier. Die Schweizer blasen ganz Europa einen mit Alphörnern, wie sich das für ein Klischee gehört und nur ein gnädiger Gott hat wohl Natascha Kampusch davon abgehalten, für die österreichischen Fußballkellerkinder die Nationalhymne zu singen.

Dann, endlich, endlich, das erste Spiel.
Die Schweiz gegen die Tschechoslowakei. Gastgeber gegen Geheimtipp, Rot gegen Weiß. Ricola gegen Budweiser. Ca. 40 Minuten läuft ein ganz munteres Spielchen, mal kommen die Schweizer vors Tschechentor, gelegentlich die Tschechen auch zum Schweizer Strafraum. Zwingend ist nichts, aber nett anzusehen und nur der Tschechentorwart mit dem lustigen Namen „Czech“ und seinem Panzerfahrerhelm ist das tatsächlich eigentlich Sehenswerte in dieser Zeit.

Bis zur 40sten Minute. Dann purzelt der Diego Maradonna der Schweizer, Alexander Frei irgendwie über seine Schnürsenkel und hat den Rest der EM genau das: frei. Weinend wird er vom Platz getragen und dann ist Halbzeit.

Nach der Halbzeit kommen die Schweizer auf den Platz und spielen endlich so Fußball, als hätten sie ihn ebenfalls erfunden. Die konsternierten Tschechen wechseln aus höflicher Solidarität nun ihren Spielmacher Koller aus und geben nur noch Staffage für die zornig entfesselten Schweizer ab, die wiederum über ihre eigene unübliche Spielgeschwindigkeit so überrascht sind, dass sie nur eine winzige Kleinigkeit vergessen: das Toreschiessen. Wie das geht, bekommen sie dann von den behäbigen Tschechen in der 70sten Minute gezeigt, als Sverkos aus Versehen in den Ball taumelt, womit nicht zuletzt der Schweizer Torwart gar nicht mehr gerechnet hat und plötzlich sehen sich die wie ein Schweizer Uhrwerk laufenden Roten mit einem 1:0 Rückstand konfrontiert. Wer hat´s erfunden? Es gibt noch 20 Minuten „hopp Schwyz“, und, aus Nettigkeit, auch noch 3 Minuten Nachspielzeit sowie die schnellste gelbe Karte eines Turniers, die bekommt der Schweizer Vonlanthen nach nicht einmal einer halben Minute nach seiner Einwechslung und so kommt zum Pech auch noch Doofheit dazu. Aber es hilft nichts: die Schweizer hätten noch drei Stunden und ohne Gegner spielen können, keiner ging heut rein. Die Party findet heute ohne den Gastgeber statt, ich trage ein 1:0 in meinen EM-Planer ein.

Dann das nächste Knallerspiel: der westlichste gegen den östlichsten Staat Europas. Geheimfavorit gegen Geheimtipp. Ronaldo gegen irgendwelche Gökhans. Lissabon gegen Galatasary. Portugal gegen Deutschland II.

Tja, was soll man sagen? Beide Mannschaften geben sich redlich Mühe, wenngleich die diesmal unbewaffneten Türken den Portugiesen eher im Weg herumstehen und selbst nicht konstruktiv spielen. Gelegentlich wird Ronaldo von einem Gegenspieler krass tiefergelegt, Deco ist nur zur Deko dabei, ansonsten gefallen sich die Portugiesen darin, im Abseits herumzustehen, weswegen ihr einziges Tor dann auch keines ist.

Dafür aber die zweite Halbzeit. Die Portugiesen, als verwandelte Mannschaft aus der Kabine gekommen und von der türkischen Stümperei entnervt, hauen den Türken nach mehreren Anläufen in der 61sten Minute den Ball ins Netz. Daraufhin stellen die deshalb beleidigten Mitbürger nun endgültig ihre Mitarbeit beim Projekt „Europameister 2008: Türkei“ ein und es geht überhaupt nichts mehr zusammen. Die Portugiesen stürmen, die Türken sind kurz vor dem gegnerischen Strafraum regelmäßig mit ihrem Türkisch am Ende und nach dem 2:0 in der wirklich allerletzten Minute bleiben zumindest heute Nacht deutschen Städten 3er-BMW-Autocorsos erspart.

In den EM-Planer male ich ein "2:0" und in England fällt ein Sack Reis um.