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Donnerstag, 26. Juni 2008
EM Tag 20
shiwa, 22:59h
In Ascona laufen heiße Debatten, welche Taktik heute gespielt werden soll: defensiv oder feige? Unterwürfig oder gnädig? Freundlich oder
schuldbewusst? Im Andenken an die Opfer von Faschismus und Gewaltherrschaft oder integrativ? Oder alles zusammen? Sicherheitshalber
verpasst Löw seinen Mannen noch ein Anti-Agressionstraining. Man weiß ja nie!
Die türkische „the best“ Mannschaft hingegen zeigt sich hier weniger nachdenklich: das Motto für heute Abend ist das Gleiche wie immer. Sieg
um jeden Preis, koste es, was es wolle. Eure Nation schaut auf Euch, und Ihr, oh Helden des strahlenden osmanischen Reiches, habt es in
der Hand, ob sie auf Euch „herab“ oder „hinauf“ schaut. Ihr, oh Fußballer des Bosporus, seid die auserwählte Elite und der Glanz und Stolz des
türkischen Volkes, Ihr seid die Söhne und Töchter von uns allen und ihr werdet die Fackel unseres Kampfgeistes gegen die deutschen Panzer
heute werfen und das Unmögliche möglich machen: Ihr werdet im Angesicht Wiens heute für die Türkei siegen und unsere Überlegenheit ein-
für allemal beweisen. Wenn Ihr scheiße spielt, dann könnt Ihr Euch gleich nach Deutschland absetzen und Euch beim FC Hoffenheim
bewerben. Dann folgen pathetische und patriotische Ansprachen.
Derart motiviert geht es dann ins Stadion. Deutschland I gegen Deutschland III. Sauerkrauts gegen Döners. Mitbürger ohne türkischen
Migrationshintergrund gegen Gegenbürger mit ohne deutschen Emigrationshintergrund. Bitte sagen Sie um Himmels Willen nicht „Türkei“ oder
„Türken“, sprechen Sie von „bei uns lebenden Ausländern“ oder „ausländischen Mitbürgern“.
Und damit auch wirklich dem Letzten klar wird, dass es nur um ein Fußballspiel geht, das selbstverständlich nichts mit Politik zu tun hat,
dürfen Ballack und ein ausländischer Mitbürger der dritten deutschen Mannschaft vor dem Spiel ein politisch sehr korrektes Statement gegen
Rassismus vorlesen. Das ist ja bei Spielen der deutschen Mannschaft eigentlich immer nötig, aber heute spielen ja sogar zwei deutsche
Mannschaften gegeneinander. Mir persönlich fehlen dabei aber noch ein Bekenntnis zum Holocaust und eine Entschuldigung für sämtliche
Kriege seit der Erfindung des Rades. Verdammte Schlamperei. Wenigstens traue ich mich jetzt nicht mehr, die Nationalhymne mitzusingen
und rolle beschämt mein Deutschlandfähnchen ein, während die Welt draußen in Halbmondfahnen und „Türkye Türkye“-Gebrüll versinkt.
Dann ist Anpfiff für die jetzt sehr nachdenklichen deutschen Spieler und Anstoß für die beste Mannschaft der Welt (nach England).
Deutschland I beginnt etwas zerknirscht, sehr vorsichtig, man will ja heute integrativen Fußball spielen, bloß nicht Deutschland III provozieren
oder durch ein frühes Tor gar beleidigen, man kennt das ja, die werden dann ekelig, und in der 22. Minute beschließt man bei Deutschland I
den ausländischen Mitbürgern ohne Migrationshintergrund mal das Ehrentor zu gönnen, Ugur macht das 1:0.
Schweinsteiger, dem Ballack vergessen hat, zu erklären, dass Fußball ein Mannschaftssport ist, hält sich nicht an integrative Absprachen und
macht nur 4 Minuten später den Ausgleich. Mist. Das wird für enttäuschte Gesichter auf der Fanmeile in Berlin sorgen, ausländische Mitbürger
mit Migrationshintergrund packen ihre Kracher und Granaten vorerst wieder ein. Schweinsteiger entschuldigt sich nicht einmal für sein Tor!
Dafür nimmt man bei Deutschland I jetzt endgültig Abstand von Zweikämpfen, weil die sehr respektlos sind und die Gefühle der hier lebenden
Mitbürger verletzen könnten, die bedanken sich mit einem Foul an Lahm im Mitbürgerstrafraum, das allerdings nicht gepfiffen wird, weil auch
dies ehrverletzend wäre.
Kurze Zeit später greift der Schweizer Schiri dann doch nicht ohne Bedauern zu einer gelben Karte gegen einen Mitbürger, weil jener mal voller
mediterraner Lebensfreude ganz kurz antestet, ob Frings bezüglich seiner gebrochenen Rippe ein Schmerzempfinden hat.
In der Folgezeit legt die deutsche Mannschaft noch den letzten Zahn weg und spielt weiterhin auf Integration. Trotzdem können auch Sie den
Mitbürger Rüstü nicht daran hindern, aus dem Tor und schon mal prophylaktisch auf die Ehrenrunde zu gehen, was zu einem versehentlichen
Kopfballtor von Klose führt, der sich darauf harscher Kritik von seinen Mitintegratoren ausgesetzt sieht.
Die nun folgenden Szenen werden gnädig für die Augen der Welt ausgeblendet, damit alle mal wieder runterkommen können und so bekommt
Basel einen Hauch von Bern 1954, als Bela-Rethy plötzlich wie ein Radiomoderator das Spiel, oder was davon übrig ist, beschreibt.
Als die Lichter wieder angehen, beschließt Lahm gerade, seinen Fehler, fehlerlos gespielt zu haben, wieder gut zu machen und gibt Semih,
dem Rippentester, freundlich die Gelegenheit, mit Hilfe von Lehmann zum 2:2 einzulochen. Türkye, Türkye. Es riecht nach Verlängerung
beziehungsweise dem üblichen mitbürgerlichen „last minute“-Tor, in ganz Deutschland springen schon mal unzählige Dreier-BMW Motoren an,
denn Türkei gewinne immer und Türkei is the best und scheiß auf den Eisberg, Türkei is unsinkbar, gib mal Feuerzeug für den China-Kracher,
noch einmal jubeln und Deutschland III hat die Nieten, die Flaschen, den fußballerischen Abschaum, die bolzende Freakshow von Deutschland
I besiegt und ihre Mutter gefickt.
Und Tor! Nur leider für die falsche Trikotfarbe. Während in Villa Antalya schon gefeiert wurde, wird in Villa Basel noch gearbeitet, denn Lahm hat
sich, diesmal in voller Absicht, durch die mitbürgerlichen Spieler gefädelt und in fast allerletzter Minute das 3:2 gemacht.
Im Stadion wird es ruhig. Das war jetzt weder integrativ, noch nett, Lahm selbst ist es ja auch ein bisschen peinlich und er entschuldigt sich
sofort bei den mitbürgerlichen Mitspielern und Michael Ballack, dem Löw noch während des Spiels sagte: „Esch reischt, wenn Ihr gäge die
Türge nur oi Dor mehr im Elfmederschiesse machet, allesch andere würde die türgische Fäns in Deutschland nid verschtähe un demüdige
müsche mir sie ja nid, au wennsch mir könnde. Ruhe im Schpiel und dohoim isch erschte Bürgerpflischt.“
Und weil Entscheidungen im „Elfmeterschießen“ als „faktisch unentschieden“ gewertet werden, hätten die Türken dann als beste Mannschaft
der Welt (nach England) im Fußballfelde unbesiegt nach Hause fahren können. Lahm hat´s vermasselt, die Türken werden, wie einst, Wien nur
aus der Ferne sehen. Die türkischen Fahnen werden eingerollt, die Feuerzeuge ausgemacht, die Dreier-BMW bleiben heute Nacht ebenso
stehen wie 111 türkische Schafe, die bei einem türkischen Sieg von Staats wegen hätten geopfert werden sollen, der Taksim-Platz in Istanbul
leert sich schneller als ein Deutschkurs in einer türkischen Volkshochschule, denn mediterran feiern heute nur Leute mit einer schwarz-weißen
Trikotsicht. Entschuldigung.
Lächelnd trage ich das 3:2 in meinen EM-Planer ein. Wir sind Vize-Europameister. Scheiß aufs Endspiel. Nochmal Entschuldigung. Ätsch.
In England überlegt man, Nelson von seiner Säule zu holen und stattdessen Gary Linecker zukünftig über den Wembley- (früher:
Trafalgar-)Square gucken zu lassen.
schuldbewusst? Im Andenken an die Opfer von Faschismus und Gewaltherrschaft oder integrativ? Oder alles zusammen? Sicherheitshalber
verpasst Löw seinen Mannen noch ein Anti-Agressionstraining. Man weiß ja nie!
Die türkische „the best“ Mannschaft hingegen zeigt sich hier weniger nachdenklich: das Motto für heute Abend ist das Gleiche wie immer. Sieg
um jeden Preis, koste es, was es wolle. Eure Nation schaut auf Euch, und Ihr, oh Helden des strahlenden osmanischen Reiches, habt es in
der Hand, ob sie auf Euch „herab“ oder „hinauf“ schaut. Ihr, oh Fußballer des Bosporus, seid die auserwählte Elite und der Glanz und Stolz des
türkischen Volkes, Ihr seid die Söhne und Töchter von uns allen und ihr werdet die Fackel unseres Kampfgeistes gegen die deutschen Panzer
heute werfen und das Unmögliche möglich machen: Ihr werdet im Angesicht Wiens heute für die Türkei siegen und unsere Überlegenheit ein-
für allemal beweisen. Wenn Ihr scheiße spielt, dann könnt Ihr Euch gleich nach Deutschland absetzen und Euch beim FC Hoffenheim
bewerben. Dann folgen pathetische und patriotische Ansprachen.
Derart motiviert geht es dann ins Stadion. Deutschland I gegen Deutschland III. Sauerkrauts gegen Döners. Mitbürger ohne türkischen
Migrationshintergrund gegen Gegenbürger mit ohne deutschen Emigrationshintergrund. Bitte sagen Sie um Himmels Willen nicht „Türkei“ oder
„Türken“, sprechen Sie von „bei uns lebenden Ausländern“ oder „ausländischen Mitbürgern“.
Und damit auch wirklich dem Letzten klar wird, dass es nur um ein Fußballspiel geht, das selbstverständlich nichts mit Politik zu tun hat,
dürfen Ballack und ein ausländischer Mitbürger der dritten deutschen Mannschaft vor dem Spiel ein politisch sehr korrektes Statement gegen
Rassismus vorlesen. Das ist ja bei Spielen der deutschen Mannschaft eigentlich immer nötig, aber heute spielen ja sogar zwei deutsche
Mannschaften gegeneinander. Mir persönlich fehlen dabei aber noch ein Bekenntnis zum Holocaust und eine Entschuldigung für sämtliche
Kriege seit der Erfindung des Rades. Verdammte Schlamperei. Wenigstens traue ich mich jetzt nicht mehr, die Nationalhymne mitzusingen
und rolle beschämt mein Deutschlandfähnchen ein, während die Welt draußen in Halbmondfahnen und „Türkye Türkye“-Gebrüll versinkt.
Dann ist Anpfiff für die jetzt sehr nachdenklichen deutschen Spieler und Anstoß für die beste Mannschaft der Welt (nach England).
Deutschland I beginnt etwas zerknirscht, sehr vorsichtig, man will ja heute integrativen Fußball spielen, bloß nicht Deutschland III provozieren
oder durch ein frühes Tor gar beleidigen, man kennt das ja, die werden dann ekelig, und in der 22. Minute beschließt man bei Deutschland I
den ausländischen Mitbürgern ohne Migrationshintergrund mal das Ehrentor zu gönnen, Ugur macht das 1:0.
Schweinsteiger, dem Ballack vergessen hat, zu erklären, dass Fußball ein Mannschaftssport ist, hält sich nicht an integrative Absprachen und
macht nur 4 Minuten später den Ausgleich. Mist. Das wird für enttäuschte Gesichter auf der Fanmeile in Berlin sorgen, ausländische Mitbürger
mit Migrationshintergrund packen ihre Kracher und Granaten vorerst wieder ein. Schweinsteiger entschuldigt sich nicht einmal für sein Tor!
Dafür nimmt man bei Deutschland I jetzt endgültig Abstand von Zweikämpfen, weil die sehr respektlos sind und die Gefühle der hier lebenden
Mitbürger verletzen könnten, die bedanken sich mit einem Foul an Lahm im Mitbürgerstrafraum, das allerdings nicht gepfiffen wird, weil auch
dies ehrverletzend wäre.
Kurze Zeit später greift der Schweizer Schiri dann doch nicht ohne Bedauern zu einer gelben Karte gegen einen Mitbürger, weil jener mal voller
mediterraner Lebensfreude ganz kurz antestet, ob Frings bezüglich seiner gebrochenen Rippe ein Schmerzempfinden hat.
In der Folgezeit legt die deutsche Mannschaft noch den letzten Zahn weg und spielt weiterhin auf Integration. Trotzdem können auch Sie den
Mitbürger Rüstü nicht daran hindern, aus dem Tor und schon mal prophylaktisch auf die Ehrenrunde zu gehen, was zu einem versehentlichen
Kopfballtor von Klose führt, der sich darauf harscher Kritik von seinen Mitintegratoren ausgesetzt sieht.
Die nun folgenden Szenen werden gnädig für die Augen der Welt ausgeblendet, damit alle mal wieder runterkommen können und so bekommt
Basel einen Hauch von Bern 1954, als Bela-Rethy plötzlich wie ein Radiomoderator das Spiel, oder was davon übrig ist, beschreibt.
Als die Lichter wieder angehen, beschließt Lahm gerade, seinen Fehler, fehlerlos gespielt zu haben, wieder gut zu machen und gibt Semih,
dem Rippentester, freundlich die Gelegenheit, mit Hilfe von Lehmann zum 2:2 einzulochen. Türkye, Türkye. Es riecht nach Verlängerung
beziehungsweise dem üblichen mitbürgerlichen „last minute“-Tor, in ganz Deutschland springen schon mal unzählige Dreier-BMW Motoren an,
denn Türkei gewinne immer und Türkei is the best und scheiß auf den Eisberg, Türkei is unsinkbar, gib mal Feuerzeug für den China-Kracher,
noch einmal jubeln und Deutschland III hat die Nieten, die Flaschen, den fußballerischen Abschaum, die bolzende Freakshow von Deutschland
I besiegt und ihre Mutter gefickt.
Und Tor! Nur leider für die falsche Trikotfarbe. Während in Villa Antalya schon gefeiert wurde, wird in Villa Basel noch gearbeitet, denn Lahm hat
sich, diesmal in voller Absicht, durch die mitbürgerlichen Spieler gefädelt und in fast allerletzter Minute das 3:2 gemacht.
Im Stadion wird es ruhig. Das war jetzt weder integrativ, noch nett, Lahm selbst ist es ja auch ein bisschen peinlich und er entschuldigt sich
sofort bei den mitbürgerlichen Mitspielern und Michael Ballack, dem Löw noch während des Spiels sagte: „Esch reischt, wenn Ihr gäge die
Türge nur oi Dor mehr im Elfmederschiesse machet, allesch andere würde die türgische Fäns in Deutschland nid verschtähe un demüdige
müsche mir sie ja nid, au wennsch mir könnde. Ruhe im Schpiel und dohoim isch erschte Bürgerpflischt.“
Und weil Entscheidungen im „Elfmeterschießen“ als „faktisch unentschieden“ gewertet werden, hätten die Türken dann als beste Mannschaft
der Welt (nach England) im Fußballfelde unbesiegt nach Hause fahren können. Lahm hat´s vermasselt, die Türken werden, wie einst, Wien nur
aus der Ferne sehen. Die türkischen Fahnen werden eingerollt, die Feuerzeuge ausgemacht, die Dreier-BMW bleiben heute Nacht ebenso
stehen wie 111 türkische Schafe, die bei einem türkischen Sieg von Staats wegen hätten geopfert werden sollen, der Taksim-Platz in Istanbul
leert sich schneller als ein Deutschkurs in einer türkischen Volkshochschule, denn mediterran feiern heute nur Leute mit einer schwarz-weißen
Trikotsicht. Entschuldigung.
Lächelnd trage ich das 3:2 in meinen EM-Planer ein. Wir sind Vize-Europameister. Scheiß aufs Endspiel. Nochmal Entschuldigung. Ätsch.
In England überlegt man, Nelson von seiner Säule zu holen und stattdessen Gary Linecker zukünftig über den Wembley- (früher:
Trafalgar-)Square gucken zu lassen.
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